Welchen Einfluss hat Diabetes auf die Psyche?

Carola Felchner
2. Juli 2018
Welchen Einfluss hat Diabetes auf die Psyche?

Diabetes mellitus ist keine Erkältung, bei der man sich ein paar Tage schont und danach ist alles wieder wie zuvor. Wer einmal die Diagnose „Zuckerkrankheit“ bekommen hat, muss sich in der Regel den Rest seines Lebens mit dieser Krankheit und ihren Folgen auseinandersetzen. Das kann auf die Psyche schlagen.

Das ganze Leben ändert sich

Diabetes ist eine chronische Krankheit. Das heißt, Betroffene müssen ihr Leben dauerhaft umstellen: auf die Ernährung achten, sich mehr bewegen und meist auch Insulin spritzen. Denn bei Diabetikern produziert der Körper entweder dieses Hormon, das den Zuckerhaushalt im Blut regelt, nicht (Typ 1) oder die Körperzellen sprechen immer schlechter darauf an (Typ 2).

Eine solche Umstellung kann eine echte Herausforderung sein – und entsprechend belastend. Vor allem dann, wenn sich der Betroffene zwar bemüht, der erhoffte Erfolg aber ausbleibt. Frust kommt auf, der einen die Therapiedisziplin im Alltag vernachlässigen lässt, was wiederum zu einer Verschlechterung des Diabetes beziehungsweise der Werte führt … ein Teufelskreis beginnt. Psyche und Diabetes sind nämlich eng miteinander verknüpft.

Wie sehr die Zuckerkrankheit einem Patienten zu schaffen macht, hängt immer auch von dessen persönlicher Belastbarkeit und dem individuellen Stressempfinden ab. Dennoch ist Erhebungen zufolge bei Diabetikern das Risiko für eine Depression, eine Angst- oder Essstörung erhöht.

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Psyche und Diabetes sind eng miteinander verknüpft, sodass das Risiko bei einer Erkrankung für Depressionen steigt.

Einfluss von Diabetes auf die Psyche: Ängste

Angst im Zusammenhang mit Diabetes kann viele Ursachen haben – und ist zunächst einmal eine natürliche Reaktion auf eine „große Unbekannte“. Die wenigsten Betroffenen können bei Diagnosestellung einschätzen, was die Krankheit für sie und ihren Alltag bedeutet. Deshalb hilft es vielen Patienten bereits, wenn sie Schulungen und Kurse besuchen, auf denen sie mehr über Diabetes erfahren und ihn besser einschätzen können.

Einige Patienten fürchten sich zum Beispiel vor Vorurteilen ihres Umfelds und davor, in der Öffentlichkeit „schräg angeschaut“ zu werden, wenn sie sich vor dem Essen im Restaurant oder der Betriebskantine Insulin spritzen. Hier könnte eine Insulinpumpe eine Lösung sein, bei der Betroffene vor dem Essen nur diskret einen Knopf betätigen müssen, um sich die benötigte Insulindosis zu verabreichen.

Häufig haben Diabetiker auch Angst vor Folgekomplikationen. Bei den einen äußert sich diese Angst in fast schon zwanghaftem Bemühen um eine gute Stoffwechsellage. Sie schränken sich im Alltag stark ein, ziehen sich vielleicht sogar zurück oder resignieren. Andere wiederum verharmlosen oder verdrängen die möglichen Folgeerkrankungen und machen möglichst weiter wie bisher.

Meist ist Diabetes-Patienten die Angst nicht ständig bewusst, aber dennoch ist sie immer präsent. Das heißt, sie schwelt unterschwellig und drängt in bestimmten Situationen in den Vordergrund. Das ist anstrengend, aber noch im Rahmen der gesunden Angst. Wenn Sie sich permanent unter Druck, verängstigt und gestresst fühlen, vielleicht sogar Panikattacken haben, sollten Sie mit einem psychologischen Experten darüber sprechen. Ansonsten können und sollten Betroffene sich mit ihrem nahen Umfeld über ihre Sorgen austauschen oder sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Wer sich nicht allein(gelassen) fühlt, hat weniger Angst.

Einfluss von Diabetes auf die Psyche: Depressionen

Bei einigen Diabetikern bleibt es nicht bei gelegentlicher Angst und Besorgnis. Besonders, wenn tatsächlich erste Folgekomplikationen auftreten und zum Beispiel Fußerkrankungen oder Augenprobleme den Alltag einschränken. Sie rutschen in eine Depression. Aktuellen Studien zufolge leiden etwa 12 Prozent aller Diabetiker an einer klinischen Depression, das sind doppelt so viele wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Rund 18 Prozent haben depressiven Stimmungen, fühlen sich niedergeschlagen, antriebslos und haben Angst vor der Zukunft.

Folgekomplikationen bei Diabetes wie Fußerkrankungen können der Alltag massiv einschränken.

Bestimmt eine solche Angst das Leben dauerhaft und schränkt eine Depression den Patienten im Alltag ein, sollten sich Betroffene psychologische oder psychotherapeutische Hilfe holen. Möglichst von einem Psychologen, der Erfahrung mit Diabetes(-Patienten) hat. Auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin findet sich beispielsweise sowohl ein sogenannter WHO-Wohlfühltest, mittels dessen Betroffene ermitteln können wie hoch ihre aktuelle Lebensqualität ist, sowie Verzeichnis von Psychologen mit einer Zusatzausbildung für Probleme mit dem Diabetes.

Einfluss von Diabetes auf die Psyche: Essstörungen

Da Diabetes-Patienten auf ihre Ernährung achten müssen, und vor allem viele Typ-2-Betroffene aufgrund von Übergewicht abnehmen sollten, können sich leicht Essstörungen entwickeln. Die Gedanken kreisen dann nur noch darum, was und wie viel man wann essen darf oder sollte.

Ein diabetes-spezifisches Verhalten in Bezug auf Essstörungen ist laut Diabetes-Informationsdienst das sogenannte „Insulin-Purging“, bei dem sich Betroffene absichtlich zu wenig Insulin spritzen, um vermehrt Glukose über den Urin auszuscheiden und dadurch Kalorien einzusparen. Das kann jedoch gefährlich für die Gesundheit werden – wie jede andere Form der Essstörung auch. Eine Therapie kann helfen, allerdings müssen sich Betroffene zunächst einmal dessen bewusst sein, dass sie ein Problem haben. Das ist oft nicht der Fall.

Der Einfluss von Diabetes auf die Psyche: So können Sie sich helfen

Auch wenn Angst und Depressionen übermächtig erscheinen können: Diabetes-Patienten sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Angst verstärkt sich beispielsweise, wenn man Gefahren überschätzt. Sich fortzubilden und durch entsprechendes Verhalten die Risiken für Folgeerkrankungen zu reduzieren, kann hier schon einiges Positives bewirken.

Sich bewusst zu machen, dass kein Mensch ganz ohne Risiko lebt und sich entsprechende Entspannungsmethoden zurechtzulegen, ist ebenfalls wirkungsvoll. Ob Malen, Meditieren, Sport oder Spazierengehen – erlaubt ist, was den Kopf freimacht.

Genau wie kochendes Wasser irgendwann den Topfdeckel zum Abheben bringt, werden Ängste stärker je mehr man versucht sie zu unterdrücken – und „laufen irgendwann über“. Deshalb sollten Betroffene weder ihre Ängste durch Aktionismus verdrängen noch zu sehr darüber nachgrübeln, sondern mit einem oder mehreren Vertrauten darüber sprechen. Manchmal erscheint eine Sorge schon gar nicht mehr so groß, wenn sie einmal ausgesprochen ist.


Quellen: