Was hat Schlaf mit Diabetes zu tun? (Interview)

Was hat Schlaf mit Diabetes zu tun? (Interview) Diabetes TYP I & TYP II

Wir brauchen ihn, um tagsüber fit und ausgeruht zu sein. Doch guter Schlaf spielt auch eine entscheidende Rolle für den Zuckerstoffwechsel. Warum Schlafmangel in einen Teufelskreis führt – und was daraus befreit, erklärt Dr. Michael Feld, Allgemein- und Schlafmediziner aus Köln:

Sie halten Schlafmangel für eines der größten Diabetes-Risiken. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Dr. Feld: „Schlafentzug ist für unseren Organismus purer Stress. Jedes Mal, wenn wir nachts gestört werden, schüttet das Gehirn Adrenalin aus, der Blutzuckerspiegel steigt. Für unsere Vorfahren war das sinnvoll, weil es den Körper auch nachts in die Lage versetzte, einer Gefahr schnell zu entfliehen. Heute ist das anders: Das Insulin wird nicht abgebaut – das Diabetes-Risiko steigt. Wer unter Schlafstörungen leidet, sollte deshalb verstärkt auf Diabetes-Warnzeichen achten. Zudem macht Schlafmangel dick.“

Schlafmangel kann Übergewicht und Diabetes begünstigen

Wie hängt das zusammen?

Dr. Feld: „Er stört das Zusammenspiel aller Botenstoffe – auch das der Appetitregulierer Leptin und Ghrelin.  Selbst wenn unsere Energiespeicher gefüllt sind, erhält das Gehirn dann kein Sättigungssignal. Die Folge: Wir essen zu viel, zu süß, nehmen zu – und schlafen dadurch noch schlechter. Ein Teufelskreis, denn auch Übergewicht selbst ist ein Schlafstörer.“

Was hat denn Gewicht mit der Schlafqualität  zu tun? 

Dr. Feld: „Drei von vier Übergewichtigen schnarchen oder leiden an Schlaf-Apnoen – nächtlichen Atemaussetzern. Diese verschlechtern die Schlafqualität extrem, häufig ohne dass Betroffene das überhaupt bemerken. Viele wundern sich nur, dass sie sich tagsüber unausgeruht fühlen und zunehmen. Bleibt dieser Zustand über Jahre bestehen, droht Diabetes.“

Wie können Betroffene den Teufelskreis durchbrechen?

Dr. Feld: „Zunächst gilt es, äußere Störquellen aufzuspüren: Stimmt die „Schlafhygiene“ – ist es kühl, dunkel, leise genug?   Oder liegen gesundheitliche Probleme vor, die den Schlaf behindern – neben Atemaussetzern oder Schmerzen etwa unruhige Beine (Restless Legs), Sodbrennen oder Zähneknirschen? Und Diabetiker sollten den Abend „schlaffreundlich“ gestalten.“

Was hat Schlaf mit Diabetes zu tun?
Diabetes-Typ-2-Patienten sollten abends kohlenhydratarm essen, um Blutzuckerschwankungen in der Nacht zu vermeiden

Was empfehlen Sie Betroffenen konkret?

Dr. Feld: „Vor allem gilt es, nächtliche Blutzucker-Schwankungen zu vermeiden, weil auch diese den Schlaf stören. Diabetes-2-Patienten setzen dafür beim Abendessen möglichst auf „Low Carb“, also wenig Kohlenhydrate und Zucker. Und bei Diabetes-Typ 1 gilt: Sport direkt vor dem Zubettgehen erhöht das Unterzuckerungsrisiko.“

Schlafstörungen – wann zum Arzt?

Und wenn das Problem trotz aller Bemühungen bleibt?   

Dr. Feld: „Dann sollte man es keinesfalls aussitzen, sondern ärztliche Hilfe suchen. Einen Anhaltspunkt bietet die „Dreier-Regel“: Wer drei Wochen lang häufiger als dreimal pro Woche länger als drei Stunden pro Nacht wachliegt, sollte zum Arzt gehen. Der kann den Ursachen der Schlafstörung auf den Grund gehen und helfen, sie zu beheben. Gegen Atemaussetzer helfen etwa Beißschienen oder Atemmasken für die Nacht. Und Diabetiker sollten regelmäßig überprüfen lassen, ob ihre medikamentöse Diabetes Therapie ausreichend ist.“