Bei Diabetes auf die Stopp-Taste drücken

20. Mai 2022
Bei Diabetes auf die Stopp-Taste drücken

Lässt sich die Zuckerkrankheit tatsächlich aufhalten – und was hat Intervallfasten damit zu tun? Das verrät jetzt der Diabetes-Experte Prof. Jochen Seufert im Interview.

Einmal Diabetes, immer Diabetes? Dieser Glaubenssatz der Ärzte scheint nun seine Gültigkeit zu verlieren. Denn eine Studie aus England von der Universität Glasgow lieferte bahnbrechende Erkenntnisse über die Umkehrbarkeit von Typ-2-Diabetes. In dieser Untersuchung konnten zuckerkranke Teilnehmer, die mindestens zehn Kilo Gewicht verloren hatten, ihren Alltag vielfach wieder ganz ohne Medikamente und ohne Diabetes-Symptome bestreiten – denn ihre Blutzuckerwerte wurden wieder normal reguliert. Der Freiburger Diabetologe Prof. Jochen Seufert klärt jetzt darüber auf, ob das nun die Heilung für alle Zuckerkranken bedeutet.

Ist Diabetes wirklich heilbar?

Ganz so einfach ist es scheinbar nicht. Denn laut Prof. Seufert ist „Diabetes mellitus weiterhin eine unheilbare Krankheit.“ Dennoch kann es zu einer Auszeit vom Diabetes kommen, der sogenannten Remission. „Davon sprechen wir Diabetologen, wenn die Erkrankung nicht mehr nachweisbar ist und der Stoffwechsel wieder genauso funktioniert wie bei einem gesunden Menschen“, erklärt der Mediziner. „In Remission sind keine Medikamente wie Zuckertabletten oder Insulin mehr nötig, da der Blutzucker wieder wie bei einem Gesunden reguliert wird.“ Dennoch ist seiner Meinung nach Vorsicht geboten, denn „der Patient hat in Remission immer noch ein erhöhtes Risiko die Symptome und Folgen eines Diabetes erneut zu erleiden. Deswegen ist die regelmäßige hausärztliche Kontrolle auch in Remission zwingend nötig. “

Je früher desto besser: Gleich nach der Diagnose aktiv werden

Die größten Erfolgsaussichten für die Diabetes-Auszeit besteht bei Patienten, deren Diabetes-Typ-2-Diagnose weniger als sechs Jahre zurückliegt und die noch nicht auf Insulin angewiesen sind. „Es ist allerdings nicht ausgeschlossen den Diabetes auch nach zehn bis 15 Jahren noch in Remission zu bekommen“, erklärt der Diabetologe.

Die Auszeit von der Zuckerkrankheit kann dabei durch unterschiedlichstes Zutun erreicht werden. Neben der Gewichtsabnahme durch eine Ernährungsumstellung und Bewegung können auch Medikamente oder ein operativer Eingriff eine Remission durch Gewichtsverlust ermöglichen. Laut Prof. Seufert müssen die Maßnahmen konstant aufrechterhalten werden, „denn wenn Bewegung, gesunde Ernährung und Co. nicht mehr stattfinden, nehmen die Patienten an Gewicht zu und der Diabetes tritt wieder auf.“

Die klassische ‚Remissions-Kost‘ gibt es nicht

Die Diabetes-Pause beruht also auf Gewichtsverlust, weil so das körpereigene Insulin wieder besser wirken kann und sich der Blutzucker dadurch normalisiert. „In Studien war der Verlust von etwa 15 Prozent des Gesamtgewichts ein guter Anhaltspunkt für eine erfolgreiche Remission“, betont Prof. Seufert. „Es geht vor allem darum Gewicht zu verlieren. Am besten funktioniert es, wenn die Ernährungsumstellung über längere Zeit in den Alltag integriert werden kann. Wichtig ist, dass der Patient normal in seinen Alltag weiterlebt und gleichzeitig die Kalorien reduziert, die er über 24 Stunden aufnimmt.“ Der Freiburger Diabetologe gibt somit keine generelle Empfehlung für eine spezielle ‚Remissions-Kost‘. „Denn in der Praxis zeigen viele Ernährungsformen eine Wirkung. Es gibt zum Beispiel Formulardiäten, mit deren Shakes man eine Mahlzeit täglich ersetzt. Außerdem ist das Intervallfasten erfolgversprechend, bei dem man etwa acht Stunden nicht isst.“ Das kann für einige Menschen hilfreich sein und zeitgleich verbraucht der Körper beim Intervallfasten eigene Fettreserven. Nur die sogenannte low-calorie-Diät, bei der täglich nur etwa 1.200 Kalorien aufgenommen werden, empfiehlt er nicht, weil sie nicht langfristig angewendet werden kann.

In der neueren Diabetesforschung wird zudem zunehmend klar, dass Typ-2-Diabetes keine einheitliche Erkrankung ist und es nicht den typischen Typ-2-Diabetiker gibt. Vielmehr zeigen sich laut Prof. Seufert „Diabetes-Kategorien“. Die neuste Forschung offenbare auch eine Kategorie von Typ-2-Diabetiker, die kaum Übergewicht besitzt und dennoch an der Zuckerkrankheit leidet: „Diese Menschen sind meist nur etwa fünf Kilo im Übergewicht und sollten sich nicht für eine Remission ins Untergewicht hungern.“ Bei Ihnen ist das Konzept Remission scheinbar wenig erfolgversprechend: „Ob diese Kategorie Diabetiker überhaupt in die Krankheits-Auszeit gelangen kann, daran wird noch gezweifelt. Bei ihnen gibt es Hinweise auf eine schwache Bauchspeicheldrüse als Diabetes-Auslöser.“

Jeder Spaziergang und jedes Gramm weniger sind ein Erfolg

„Die Remission des Diabetes ist eine große Chance – das ist klar.“ Dennoch rät der Freiburger Mediziner dazu, auch kleine Fortschritte zu würdigen: „Man sollte nicht enttäuscht sein, wenn man die Remission nicht erreicht, denn jede Gewichtsreduktion und jede Bewegung ist bei Diabetes für den Stoffwechsel hilfreich. Wenn die Gewichtsabnahme dazu führt, dass die Betroffenen daraufhin weniger Medikamente nehmen, den Diabetes besser regulieren können sowie schädliches Bauchfett verlieren, dann ist das schon ein großer Erfolg.“